Ein Kundenleben

Freitag, 25. Mai 2012

Habe ich mir billig genug den Arsch gewischt? Eins-Neunundsechzig acht Rollen. Einundzwanzig Cent die einzelne Rolle. Ein Zehntel von einem Cent ein Blatt. Ich brauche zehn, zwölf, vierzehn Blätter. Ganz nach Schiss. Ginge es nicht noch günstiger? Könnte ich mir die im Darm verwandelte Fleischwurst, Eins-Neunundsechzig und am Ring, und das Baguette, neunundsechzig Cent und knusprig gebacken, nicht mit weniger monetären Aufwand abwischen?

Das Wischen, es kostet den Durchschnitt von Blättern, verdauter Wurst und durch Magensäure zersetztes Brot und könnte sicher günstiger zu haben sein. Oder wische ich mir den Hintern mit dem Stapel Prospekte, den ich mit zum Scheißen genommen habe? Die waren kostenlos im Briefkasten. Aber was, wenn ich eine günstige Offerte durch meine Arschritze ziehe? Kaffee Drei-neunundsechzig beispielsweise oder Lachsfilet, vierhundert Gramm zu nur Zwei-Neunundsiebzig. Kommt es mir dann nicht teurer, wenn ich mich mit einen Gratis-Prospekt abwische? Lieber vier Cent in einen sauberen Arsch investieren, um dann beim Kaffee oder beim Lachs abzusahnen?

Und sollte das Klopapier im Angebot sein, dann wird die übliche Wischpauschale ja auch günstiger. Überhaupt frage ich mich, ob teurere Produkte auch die Reinigung meines Enddarms verteuern. Kann ich Klopapier sparen, wenn ich bei Lebensmitteln spare? Verursacht das Steak zu unschlagbaren neunundneunzig Cent je hundert Gramm weniger Reststoffe, weniger abzuwischende Rückstände, als eines für wucherische Zwei-Fünfunddreißig? Könnte ein sagenhaftes Angebot, das man mir Steak für neunundsiebzig Cent je hundert Gramm unterbreitete, die Folgekosten senken? Warum gibt es eigentlich kein Komplettpaket, kein Rundum-sorglos-Päckchen? Wer Essen liefert, sollte sich auch um die Folgen kümmern und Klopapier vertreiben müssen. Jedem Stück Frischfleisch sollten zwölf Blätter Toilettenpapier beiliegen - jedem TK-Fleischersatz zwölf TK-Papierstreifen.

Was aber, wenn es genau umgekehrt ist? Wenn das Cordon bleu vom Metzger, Zwei-Neunundzwanzig je hundert Gramm, weniger Folgen zeitigt, als das TK-Cordon bleu, Zwei-Neunundzwanzig für vier ganze Fleischbrocken zu insgesamt sechshundert Gramm? Vielleicht sparte ich mir dann auch den Verdauungsschnaps, der pro halben Liter zu Acht-Neunundachtzig zu haben ist - und die Tablette gegen Sodbrennen, sechsunddreißig Stück knapp Acht-Nullnull. Wenn ich dann aber effektiver scheiße und wische und vielleicht sogar schneller vom Topf runterkomme, könnte ich wiederum Angebote verpassen. Denn Angebote lese ich immer am Klo. Zeit sinnvoll nutzen, ausfüllen, gewinnbringend investieren. Zeit ist Geld - mehr Zeit: mehr gespartes Geld. Drei Fischkonserven zum Preis für zwei oder zwanzig Prozent mehr Apfelsaft für denselben Preis wie ohne zwanzig Prozent mehr. Das könnte ich dann verpassen. Könnte blöd für mich ausgehen, könnte teuer werden. Eine lange, schwere Verdauung könnte förderlich für meinen Geldbeutel sein - wenn ich leidend kacke, spare ich mehr, weil ich mehr Angebote studieren und durchrechnen kann.

Das sind Überlegungen, die man anstellen muß. Schinkengulasch ist morgen für Eins-Neunundneunzig fünfhundert Gramm zu haben. Klopapier ist aber nicht im Angebot. Das nennt man Geschäft. Dort Angebot, Folgekosten nicht vergünstigt. Auf der einen Seite sparen, auf der anderen die Hand aufhalten. Wie soll man da jemals bewusst einkaufen? Irgendwo zahle ich immer drauf, habe ich das Gefühl...



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Kein Verklärer als Erklärer!

Donnerstag, 24. Mai 2012

oder: ein verfrühter Aufruf, Steffen Seibert kein öffentlich-rechtliches Engagement mehr zu gewähren.

Der Mann hat sich diskreditiert. Bereits mit seiner Entscheidung, Regierungssprecher zu werden. Nicht explizit jetzt, nicht ausdrücklich in den letzten Tagen oder Wochen. Seine Diskreditierung geschah schon vormals. Aber nun könnte es sein, dass die Ära Merkel ins Endstadium geht - und damit gehen auch jene ins finale Stadium, die durch ihre Regierung zu Posten kamen. Erfahrungsgemäß! Hoffentlich! Steffen Seibert ist so einer, dessen Tage gezählt sein dürften - dessen Zeit als Regierungssprecher dann passé sein wird.

Allerlei Regierungsabsichten, -vorhaben, -schweinereien und -halbheiten hat er verteidigt. Meist adrett, "Der nette Herr Seibert", meist vornehm und manierlich - manchmal hingegen zynisch. Willfährig war er immer. Gutwillig gefügig gegenüber seinem Brotgeber. Unkritisch ohnehin. Natürlich entspricht das dem Aufgabenfeld eines Regierungssprechers. Er selbst sprach damals, als er den Posten antrat, von "einer faszinierenden neuen Aufgabe für einen Journalisten" - damit rechtfertigte er den Schritt. Das war natürlich Unsinn; Journalisten sollten kritisch sein, objektiv sowieso. Nichts davon bietet so ein Regierungssprecherposten. Er ist das glatte Gegenteil. Er ist parteiisch, gutgläubig und subjektiv gestaltet. Der Regierungssprecher spricht, was man ihm aufschreibt - das ist nicht journalistisch: das ist propagandistisch!

Man kann Seibert keinen Vorwurf machen, dass er seine Rolle so ausfüllt, wie er sie ausfüllt. Man kann ihm aber einen Vorwurf machen, dass er es hat so weit kommen lassen, sprich: dass er diesen Posten jemals angetreten hat. Wer für eine Regierung oder ein Unternehmen vor die Presse tritt, der glänzt nicht mit journalistischen oder kritischen (Sach-)Verstand - dessen Rolle ist es, mancher Hässlichkeit ein schönes Gesicht und wohlklingende Worte zu verleihen. Unternehmens- oder Regierungssprecher sind Deeskalierer - sie kleiden allgemeine Unzufriedenheit, Anfragen und Neugier in deeskalierende Phrasen, üben sich in Widerlegen und Bestreiten. Die Sorge des Journalisten ist jedoch nicht die Deeskalation, die allgemeine Beruhigung der Gemüter - er ist, jedenfalls in der Theorie, der Wahrheit verpflichtet, nicht seinem Dienstherrn.

Wie oft hat Seibert die Unwahrheit gesagt, seitdem er Merkels hübsches Mediengesicht ist? Wie oft hat er gelogen und geschönt? Herumgedruckst und Sachlagen verkürzt und vereinfacht? Wahrheit gebeugt, dekliniert und so dargestellt, dass sie wahrer, schöner, besser klang? Nicht aus Boshaftigkeit - nein, weil sein Posten es verlangte. Wie oft hat er das Journalistische nicht nur abgelegt, sondern mit Füßen getreten?

Schon damals, als er vom ZDF in die Dunstkreise der Regierung wechselte, fanden sich Statements, wonach Seibert zurückkehren könnte, nach seiner Adelung, nach seinem Gastspiel im Kielwasser der Politik, seiner Anbiederung an die Regierung. Zurück ins öffentlich-rechtliche Fernsehen; zurück in eine Existenz auf Gebührengrundlage; zurück ins politische Ressort; zurück ins journalistische Fach - von dem er ja meint, sich nie entfernt zu haben. Da soll er dann wieder Politik erklären - er, der die Politik jener Regierung, die ihn als Sprecher engagierte, erklärte und sie somit verklärte. Er, der stichhaltig machte, warum Atomenergie notwendig und der hernach stichhaltig machte, warum der Atomausstieg alternativlos sei. Alternativlos - wie so vieles in der Agenda jener Regierung. Alternativlos - wie der Posten des Regierungssprechers alternativlos unjournalistisch ist. Er könnte nach seinem Zwischenspiel wieder GEZ-finanziert erklären. Er, der parteiisch Positionen verklärte.

Wie kann man einem Mann, der Positionen bezog, der glasklare politische Ranküne mittrug und vor der Presse rechtfertigte, klein- und schönredete - wie kann man einem solchen Mann noch jemals abnehmen, er sei nun wieder journalistisch unterwegs? Wie kann er jemals beispielsweise objektiv Deutschlands Europapolitik begleiten, wo er doch eindrücklich zur Schau stellte, dass er nur Merkels angeblich alternativlosen Kurs für verteidigenswert befindet? Man nimmt ihn doch nichts mehr ab - als Journalist ist es diskreditiert; die Gefahr, dass er Objektivität für etwas hält, was die Politik zu verordnen hat, ist bei ihm immens. Man kann nicht "verbieten", dass er bei privaten Fernsehsendern anheuert nach seiner Zeit als Regierungssprecher - aber bei dem öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist es eine Angelegenheit des res publica, da geht es uns alle etwas an!

Seibert hat dort nichts mehr verloren! Er kann unter vernünftigen Gesichtspunkten nicht mehr im dortigen politischen Ressort anheuern. Diese faszinierende neue Aufgabe, die er einst antrat, sie ist kein Einstellungskriterium - sie sollte eher abschrecken. Noch ist Zeit, noch liebäugelt niemand mit Seiberts Rückkehr - nicht laut, wahrscheinlich nur hinter vorgehaltener Hand. Aber die Zeit wird kommen, da man seine Rückkehr lobend formuliert. Schon jetzt wird man vermutlich in den Chefetagen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten mit der Aussicht liebäugeln, dass er zurückkommt, der verlorene Sohn; wird man sich klammheimlich freuen über Verstärkung, über einen Mann mit Beziehungen. Daher dieser Aufruf schon jetzt, daher diese verfrühten Zeilen. Man kann nicht früh genug warnen!

Dies war also ein Aufruf. Ein stiller Aufruf. Ein vielleicht zu früher Aufruf - der aber in Zeiten des Internets immer wieder kopierbar, neu aufrollbar, stets nochmals zitierbar ist. Ein Aufruf, Seibert kein öffentlich-rechtliches Engagement mehr zu gewähren. Ein Aufruf, einem Verklärer nicht mehr die Rolle des Erklärers zuzugestehen!



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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 23. Mai 2012

"Es ist schon tragisch: Die SPD verwechselt ihre Dummheit dauernd mit staatstragendem Verantwortungsgefühl. Nach dem Motto: Die Kanzlerin macht alles falsch, aber wir unterstützen sie dabei – aus Sorge um Deutschland."
- Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig -

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Sein Kampf, zweiter Teil

Dienstag, 22. Mai 2012

Sarrazin wurde damals Nähe zur NPD unterstellt. Eine Unterstellung, die mehr Feststellung war - Weichenstellung vielleicht auch. Weniger für ihn selbst als für den politischen Diskurs in diesem Lande. Hand in Hand mit den einschlägigen Presseorganen fixierte er eine Diskussionskultur, die sich gütlich an der Zurschaustellung niederträchtiger Impulse und Reflexe frottiert, die sich aufgeilt an solchen Biedermännern, die angeblich "mutige Wahrheiten" verkünden, die genauer betrachtet aber nicht mehr als feiges Stammtischgeschwafel sind, der Sud geselliger Sangesabende in schwüler, pappiger Hitze.

Deutschland könnte auch gut ohne Sarrazin leben

Eine dieser stammaufgetischten Realitäten ist die Geschichte des Euro. Der blute Deutschland aus. Griechenland sei nur die Krone dieses Skandals. Die Strafe für die Niederlage im Zweiten Weltkrieg sei das - das ist die verschwörerische Erkenntnis von reaktionären Stammtischen, aus rechten Zirkeln und von NPD- oder Republikaner-Kundgebungen - und freilich von Sarrazin, der neulich in der Jauchegrube in eben diese Kerbe eindrosch und den Euro als Folge für den Holocaust einstufte. Strafe für den verlorenen Weltkrieg - das klingt auch wie: Ach, hätten wir nur gewonnen! "Rechtskonservatives Geschäftsmodell" nennt Erdmann das. Mit diesen braunen Devisen zu kokettieren: Das nennen wir heute Mut oder Zivilcourage - es ist aber nicht weniger als die Trivialisierung deutscher Geschichte, die Banalisierung politischer oder gesellschaftlicher Erscheinungen; und es ist überdies kein Mut, denn die Forderung, der Euro möge verschwinden, ist so alt wie der Euro selbst und somit Allgemeinplatz. Es ist flaches, phrasenhaftes Gestammel, wie seinerzeit, als der Herr eugenische Maßstäbe auspackte und reanimierte, was schon zu Zeiten Hindenburgs als wissenschaftlich überholt galt.

Dass Europa auch ganz gut ohne den Euro leben könnte, ist eine Einsicht, die man ja gar nicht verneinen kann. Das ist Tatsache. Alles ist ohne alles vorstellbar - alles kann sein, ohne dass es so ist, wie es gerade ist. Deutschland könnte auch gut ohne Sarrazin leben - er ist aber nun mal da und man muß ihn ertragen. Man muß aber doch fragen dürfen, warum man ihn hofiert, warum man ihn pusht, seine Stammtischiaden mit Zuneigung und Verleihung eines öffentlichen Forums adelt. Das wird man doch fragen dürfen, so wie die Sarrazinösen stets rhetorisch fragen, dass man dies oder das doch mal sagen dürfe.

Feigheit, die er anderen vorwirft

Europa kann ohne den Euro leben - hat es ja die meiste Zeit getan. Wie könnte man nur dagegenhalten! Diese Aussage, die ja auch die Aussage seines gesamten neuen Buches, seines "Mein Kampf II" - (mein Kampf gegen die Aufrichtigkeit, mein Kampf gegen Seriosität, mein Kampf gegen solidarisches und aufgeklärtes Denken etc.!) - ist, ist so gestrickt, wie es am Stammtisch gerne vernommen wird. Einfache Slogans, einfältige Weltsicht. Sicher könnte Europa ohne Euro - jetzt ist er aber mal da, in der Welt... in Europa, besser gesagt... und existent. Europa hat sich vor Jahren darauf verständigt und die deutsche Wirtschaft war begeistert davon, vereinfachte es doch einiges. Aber das Elend, womit das griechische, das spanische, das italienische und manches andere Volk zu ringen hat, verschwindet nicht, wenn man den Euro verschwinden läßt. Sarrazin wirft der politischen Zunft Feigheit vor - auch so eine Erkenntnis, der man zustimmen kann, wenn auch aus anderen Gründen. Mit solchen Phrasen dockt Sarrazin immer wieder in der bürgerlichen Mitte an.

Politische Feigheit also. Und er fordert das Ende des Euro, wovon die Not der krisengeschüttelten EU-Mitgliedsstaaten nicht schwindet, sondern lediglich aus unserem Blickfeld verlagert wird. Das ist die Logik, mit der jene politischen Feiglinge Arbeitsmarktstatistiken schönen oder Kinderarmut neu verrechnen. Aus den Augen aus den Sinn - dieselbe Feigheit, die er Politikern vorwirft, postuliert er hier als seine mutige Wahrheit. Es ist die Feigheit eines Mannes, der von der Lebenswirklichkeit muslimischer Mitbürger nichts weiß, der aber rege darüber schreibt - es ist die Feigheit eines "Schreibtischtäters", der wieder einmal mehr vom Stamm- als von Schreibtisch aus theoretisiert und den politischen Diskurs mit Tiraden vergiftet, die abermals zur Entsolidarisierung beitragen sollen. Diesmal nicht alleine in Deutschland - diesmal in Europa.

Entsolidarisierung und Hass sind der Kitt seines Weltbildes

Das "Prinzip Sarrazin" ist das "Prinzip entsolidarisierte, zerrissene Gesellschaft". Sein "Markenkern: Fremdenhass, Revisionismus, Nationalismus, Geiz, Missgunst" schreibt Erdmann. All das trägt zur Entsolidarisierung bei. Und zum Hass. Auch das ist eines seiner Prinzipien. Er beschreibt eine Welt, in der es keinen Zusammenhalt geben soll. Kein Zufall, dass er genetische Kaffeesatzleserei und Zuchtwahl mit seriösen Wissenschaftsfeldern verwechselt. Sozialdarwinismus passt ins Konzept - oder es ist vielmehr die Basis einer solchen Auffassung. Sarrazins Provokationen sind einfache Kopfgeburten eines Mannes, der Solidarität für etwas unnatürlich Künstliches hält, für einen zivilisatorischen Schnickschnack, der uns mehr schadet als hilft. Wer sich mit dem "multikulturellen Gedanken" solidarisiert, ist demnach schädlich, wie jene, die den Erhalt des Euro solidarisch begleiten. Sarrazin arbeitet mit Entsolidarisierung, mit Zerrüttung, mit "Krieg aller gegen alle" - das ist der Kitt, der sein brüchiges Gebäude zusammenklebt. Ein Kleber, der in politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten viele Verbraucher findet - zukunftsweisend ist ein solcher Klebstoffverkäufer allerdings nicht. Manchmal sehen windige Vertreter wie Visionäre aus - aber irgendwann merkt man dann auch, dass er einem etwas angedreht hat, was man so nie kaufen wollte - hoffentlich...



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Unter deutscher Kuratel

Montag, 21. Mai 2012

Sie sei nicht die Kanzlerin Europas, vernahm man unlängst aus Frankreich. Genau so verhält sich Merkel aber nun abermals, auch wenn sie es dementiert. Ein Dementi, dass man glauben kann, jedoch nicht muß. Mit dem Vorschlag, ein Referendum bezüglich des Verbleibes Griechenlands in der Euro-Zone abzuhalten, versuchte sie vielleicht die Reißleine zu ziehen. In der Hoffnung, die Griechen würden einem Ausstieg beipflichten und sie von einem Krisenherd entfernen, der sie wahrscheinlich die Wiederwahl kostet - dass sie den Kopf verliert, bestätigt nur die Causa Röttgen. Ein solcher Vorschlag passt da nur ins Bild. Kopf aus der Schlinge: egal wie!

Das Referendum scheint aber überflüssig. Die Frage ob Euro oder nicht, ist nicht das Problem. Es ist die Ablenkung von Problemen. Die Mehrzahl der Griechen wollen den Euro behalten - das wurde mehrmals repräsentativ erfragt. Man fürchtet auch, dass ein Ausstieg das Elend verstärkte. Der Euro soll bleiben - aber unter welchen Konditionen, das soll verhandelt werden. Und das griechische Volk hat bei der letzten Parlamentswahl gezeigt, dass es darüber verhandeln will - höchstwahrscheinlich wird die politische Linke eine Mehrheit nach den Neuwahlen stellen können. Das ist als Zeichen des Verhandelns zu werten. Dieses noch fiktive Wahlresultat zeigte: Da verhandelt ein Volk über das Wie des Verbleibes in der Eurozone - nicht über das Ob.

Noch vor einem halben Jahr hatte Papandreou zu einem Referendum geblasen. Damals regte sich Europa, Sturmspitze Deutschland, Merkel und deren Quartiermeister Kauder, mit lauten, mit hochrotköpfigen Tiraden auf. Seinerzeit wollte Papandreou wissen, ob das griechische Volk den Kurs tragen möchte - das hielt man für einen Affront, für eine Frechheit gegenüber Europa. Entschieden haben die Griechen vor zwei Wochen - und sie werden nochmals darüber entscheiden, dass sie diesen von Europa aufgezwängten Sparkurs, der in suizidale Enden stürzt, in Elend und in Obdachlosigkeit, nicht eins zu eins ertragen möchten. Wie man mit der Krise umgeht, ist das Thema - nicht ob man überhaupt damit umgeht und flüchtet.

Merkels Vorschlag ist somit zunächst Augenwischerei. Die Griechen werden sich nicht gegen den Euro entscheiden. Und wenn sie sich dafür entscheiden, wird Europa das Ergebnis als Pistole benutzen, die man auf die Brust setzen kann. Ihr wolltet - also spurt! Wenn ihr es wollt, dann so wie wir es genehmigen! Das Volk liefert sich der Pistole aus - so sieht Merkel Volksentscheide. Und Wetterfähnrich Merkel bestätigt mit diesem Hin und Her, mit der Verurteilung von Referenden hie, mit der Schaffung von solchen da, dass sie Europa nicht als Raum selbstbestimmter Völker betrachtet, sondern als ihre Spielwiese, als deutschen Einflussbereich - dass sie als Monroe-Doktrinistin durch Europa wandelt, durch ihren eigenen kontinentalen Vorhof.

Sich äußernde Völker sind nur dann erwünscht, wenn sie es vorher genehmigt hat. Europa ist für sie kein Europa der Völker, die selbstbestimmt entscheiden, deren Regierungen solidarisch miteinander umgehen - für sie ist Europa etwas, das unter Verwaltung gehört, unter deutsche Kuratel. Europa besteht demnach nicht selbst, es baut auf deutsche Vorgaben und deutscher Kanzler ist somit auch inoffiziell Vorsteher seines europäischen Dominions.

Diese Arroganz ist es, die Deutschland und Merkel in Europa disqualifiziert - die Griechen stellen das auf ihre Art dar, wenn sie Merkel und Quartiermeister in SS-Uniformen zwängen; die Franzosen haben auch deshalb einen Sozialisten gewählt, weil sein Vorgänger nur einen gegelten Pudel der Kanzlerin abgegeben hat. Das Dementi, das schroff kam, es mag nicht sehr glaubhaft sein - wer Merkels Haltung zu einem deutschen Europa kennt, wer weiß, wie sehr ihr ihr Machterhalt am Herzen liegt, der ahnt, dass der Vorschlag gemacht wurde, auch wenn man das nun leugnet.



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Talk am Wahlabend

Freitag, 18. Mai 2012

"Wir Liberale wurden gewählt, weil wir für Seriosität und Verantwortung stehen."
"Und wir Konservative sind für seriöse Verantwortung eingetreten, Herr Kollege."
"Uns Grüne wählte man, weil wir für verantwortungsvolle Seriosität stehen."
"Wir Sozialdemokraten konnten zulegen, weil wir als Alternative seriöse Verantwortlichkeit ausstrahlen."
"Die Piraten wollen seriös und verantwortlich neue Wege beschreiten."
"Neue Wege wollen wir Liberale auch gehen - kompetent in Finanzen und Bildung."
"Wir Konservative stehen ebenfalls für finanzierte Bildung."
"Da müssen wir Grüne aber widersprechen: Bildung und Finanzen! Nicht Finanzen und Bildung!"
"Doch doch, Finanzen und Bildung - nur in dieser Reihenfolge, werte Kollegin."
"Wir Sozialdemokraten machen deutlich, dass wir gebildete Finanzen anstreben."
"Wir Linken..." (Unterbrechung des Moderators, kündigt einen Einspieler an)

"Wir Liberale konnten punkten, weil wir seriöse Finanzen und verantwortungsvolle Bildung thematisierten."
"Mit uns Konservativen ging es diesmal schlecht, weil wir verantwortungsvolle Finanzen und seriöse Bildung zu stark betonten."
"Wir Sozialdemokraten stehen für gebildete Verantwortung und finanzierte Seriosität - der Wähler hat das verstanden."
"Grüne Leitlinien sind es, seriös mit Bildung und Finanzen verantwortlich zu sein - und mit Umwelt verantwortlich seriös!"
"Mit uns Konservativen ging es diesmal auch schlecht, weil wir verantwortungsvolle Finanzen und seriöse Bildung zu schwach betonten."
"... vor allem Umwelt..."
"Es ist auch ein konservativer Wert, für die Umwelt zu sein, Frau Kollegin!"
"Liberalismus und Umwelt gehören zusammen - eine seriöse Umwelt für alle!"
"Wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, ruft zur Contenance auf)

"Ja, wir Konservative sind für ein Europa der seriösen Finanzen."
"Liberal ist, was Finanzen schafft - für eine finanzierte Seriosität!"
"Herr Kollege, wir Sozialdemokraten sagten immer, dass Europa über Finanzen seriös wird - und verantwortungsvoll!"
"Verantwortung für Europa: Wir Grüne sehen das so!"
"Und für seriöse Finanzen, Frau Kollegin, stehen die Grünen nicht?"
"Für Verantwortung und Seriosität: das ist grüne Politik, Herr Kollege."
"Und für solide Finanzen, Frau Kollegin?"
"Für Verantwortung und Seriosität - und das alles solide: das ist grün, Herr Kollege!"
"Es stimmt nicht, dass die Piratenpartei nicht seriös und nicht verantwortungsvoll ist."
"Auch die Sozialdemokratie steht für solide Finanzen und finanziert Solidität."
"Wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, ein Gast aus dem Publikum wird vorgestellt)

"An diesem Beispiel aus dem Publikum sehen Sie, dass wir Freiheit benötigen - daher sagen wir Liberale: Freiheit!"
"Freiheit und Bildung, Herr Kollege!"
"Ja, Freiheit und Bildung - und Verantwortung! Wir Liberale betonen daher: Freiheit und Bildung und Verantwortung!"
"Und Seriosität!"
"Auch die: Freiheit und Bildung und Verantwortung und Seriosität! Und natürlich Gerechtigkeit!"
"Wir Sozialdemokraten stehen für Gerechtigkeit! Und für Mut! Mut zu schwierigen Reformen!"
"Die Grünen bringen es knapp auf den Punkt: freie Bildung und verantwortliche Seriosität!"
"Die Piraten sagen: verantwortete Bildung und seriöse Freiheit. Haben wir immer gesagt!"
"... und Umwelt habe ich vergessen - auch Umwelt ist grün!"
"... und konservativ, Frau Kollegin - wir stehen für gebildete Umwelt und freiheitliche Seriosität."
"Wir Linke... (Unterbrechung des Moderators, schlägt einen Themenwechsel vor)

"Der Kampfeinsatz ist notwendig. Konservativ ist, der Welt die Demokratie zu bringen."
"Auch wir Liberale sprechen uns dafür aus - Freiheit muß manchmal gewaltsam entstehen."
"Aber Herr Kollege, das ist ja brachial - wir Grüne sind daher nicht dagegen, aber auch nicht bedingungslos dafür. Mit Bauchschmerzen stimmen wir zu - damit die Frauen dort frei werden. Und umweltfreundlich!"
"Bedingungslos dafür: wir Sozialdemokraten drücken uns nicht vor Verantwortung!"
"Und Bildung bringen wir der Welt auch - Demokratie und Bildung!"
"Und Freiheit, Herr Kollege."
"Vergessen Sie mal die Gleichberechtigung nicht."
"Und freie Märkte!"
"Der Kampfeinsatz ist alternativlos."
"Wenn wir abziehen, entsteht Chaos - unverantwortlich wäre das!"
"Wenn ich unterbrechen dürfte - wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, Aufruf zur Eile, die Sendung geht dem Ende zu)

"Kurzes Statement zum Schluss: Wir Liberale habe bewiesen, dass uns Umwelt und Sozialpolitik am Herzen liegt."
"Uns Konservativen auch: wir sind sozial und politisch und haben Herz."
"Wir Sozialdemokraten herzen sozial die Politik."
"Wie wir Grünen, Herr Kollege, wir politisieren herzlich sozial."
"Die Piraten twittern sozial und politisch und herzlich - und wir sind freiheitlich."
"... wir Liberale auch - natürlich sind wir für Freiheit!"
"... und Umwelt habe ich vergessen; wir stehen auch für Umwelt bei den Grünen."
"... wir auch, Frau Kollegin, wir Konservative können auch Umwelt!"
"Wir Linke..." (Unterbrechung des Moderators, entschuldigt sich dafür, aber die Sendung ist am Ende)


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Sit venia verbo

Donnerstag, 17. Mai 2012

"Um die Irrungen zu korrigieren, muss man die Vorstellung von Fortschritt als eine permanente und endlose Anhäufung von materiellen Gütern hinter sich lassen. Das stellt die Essenz der Modernität in Frage. Es geht nicht darum, den Neoliberalismus zu überwinden, sondern eine Lebensorganisation zu planen und umzusetzen. Es muss dabei um das gute Leben gehen, sumak kausay auf Quechua oder suma qamaña auf Aymara, das ist der Ausgangspunkt. Dieses Konzept findet sich nicht nur in der indigenen Welt, es ist auch in universellen philosophischen Denkansätzen verankert, bei Aristoteles, bei Marx, in ökologischen, feministischen, gewerkschaftlichen und humanitären Ansätzen. Das gute Leben muss man demnach verstehen als eine Suche nach einem harmonischen Miteinander der Menschen untereinander und im Verhältnis zur Natur. Natürlich darf man dabei existierende soziale Konfrontationen und die Frage der Macht nicht ganz außer Acht lassen. Jedoch geht es darum, das Prinzip des öffentlichen Guts zu verteidigen. Das Öffentliche ist mehr als die Summe privater Interessen. Man muss das Gemeinsame betonen, ohne das Individuelle zu vergessen. Es geht um Plurinationalität, Interkulturalität und Diversität, um soziale, wirtschaftliche, geschlechtliche, regionale Gerechtigkeit, um Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gegenseitigkeit, um es mal im Telegrammstil aufzuzählen. Das gute Leben darf man nicht mit dem Streben nach einem besseren Leben verwechseln, dem eine Ethik des unbegrenzten Fortschritts zugrunde liegt und das uns zu ständigem Wettbewerb antreibt, um immer mehr zu produzieren. Denken wir daran: Damit einige wenige besser leben können, müssen Millionen und Abermillionen schlecht leben."
- Alberto Acosta in "Das Ende der Einsamkeit" -

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Der Islamophobie ein wenig Weltläufigkeit

Mittwoch, 16. Mai 2012

Islamist war irreführend. Trotzdem wurde der Begriff über Jahre unkritisch verwendet. Das hat gefruchtet. Der Islam war just eine Ideologie, keine Religion mehr - und er wurde mit Gewalt verbunden, entgegen der Wirklichkeit, in der Abermillionen von Moslems friedlich leben und beten. Der Begriff verschwindet allerdings in letzter Zeit immer mehr. Der Salafist ist nun Modewort. Jeder konservative Moslem ist nun nicht mehr gleich Islamist, er ist Salafist - das ist in etwa so, wie wenn ein Verteidiger des katholischen Zölibats als Mitglied des Opus Dei tituliert würde oder man ihm unterstellte, er würde sich hart am Glauben kasteien. Salafist ist demnach so falsch wie Islamist - und doch war der wörtliche Gebrauch des Islamisten ehrlicher.

Ein besonders gescheites Wort

Jetzt sprechen sie alle von Salafisten. Man hört das Wort beim Einkauf, im Radio, im Treppenhaus. Man hat bei diesem Wort, das vormals als massentauglicher Terminus hierzulande keine Existenzberechtigung hatte, immer irgendwie den Eindruck, da schwafeln besonders gut informierte, besonders gescheite und weltläufige Bildungsbürger. Menschen, die etwas wissen; die wissen, was Salafisten sind, was der Sufismus, wer die Charischiten. Tatsächlich gelingt es diesen "Bildungsbürgern" allerdings nicht mal, zwischen Schiiten und Sunniten zu unterscheiden. Ja, schlimmer noch, sie kratzen sich am Kopf, wenn sie erfahren, dass es im Islam verschiedene Strömungen und Gruppen gibt. Trotzdem gebrauchen sie den Begriff, den die Medien seit geraumer Zeit gehäuft benutzen - sie plappern nach, was medial fabriziert wird. Kritiklos, ohne Fragen nach Herkunft, ohne auch nur eine der W-Fragen anzubringen.

Als man noch vom Islamisten sprach, da war das gleichwohl falsch - aber irgendwie konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da jemand spricht, der generalisiert, über einen Kamm schert, nicht den Hauch einer Ahnung hat. Jemand, der der westlichen Islamophobie unterlegen ist. Man ärgerte sich, dass da jemand diesen Kampfbegriff benutzte. Aber gleichwohl wusste man, dass man da einem Menschen lauschte, der völlig ungeniert und einfältig Begriffe benutzt, die eine Welt propagieren, die es a) so nicht gibt und von der er b) überhaupt keinen Schimmer hatte. Vereinfacht gesagt, so dumm es auch war, von Islamisten zu sprechen, so ehrlich war es, weil es offenlegte, mit welchem Gemüt man es zu tun hatte.

Kosmopolitisch anmutende Nebelkerze

Salafisten überall. Und man hat den Eindruck, in einem Land zu leben, das vor Islamologen nur so strotzt. So wie es in Fragen der Wirtschaft im Trend liegt, wie es an jedem Stammtisch mit ökonomischen Fachausdrücken aufwartet. Als hätte die Debatte um Sarrazin und seine islamfeindlichen Thesen aus Deutschland ein Land von Experten in Islamwissenschaften gemacht.

Nicht, dass es den Salafismus nicht gibt. Aber nicht jeder Moslem, der das Messer zückt ist einer - und nicht jeder konservative Knochen, der bestimmte Ideale des Islam favorisiert, ist ein Gewalttäter. Salafisten werden sie nun aber fast alle gerufen. Das Wort klingt fachmännisch, aufgeklärt, gebildet. Es ist eine Nebelkerze, das Blendwerk der Xenophobie, das die fungierende Dummheit, die Welt in "guter Westen" und "böser Islam" zu scheiden, übertünchen soll. Als man noch so dümmlich von Islamisten sprach, wirkte man provinziell - jetzt spricht man wie ein Experte und gibt dem Dummkopf eine kosmopolitische Note in Wort und Schrift.



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Wenn uns schlecht wird, geht es uns gut

Dienstag, 15. Mai 2012

Das ist Wettbewerb im Gesundheitswesen! Vorbildliches Indien! Dort verstehen es die Patienten, sich wettbewerbsorientiert zu verhalten. Dort stellt man sich Fragen, die dem Wettbewerb förderlich sind; dort macht sich der Patient nicht zum Hilfebedürftigen, sondern zum Wettbewerber. Spielregeln verstanden! Fragen wie: Soll ich am klinischen Versuch für Magenpräparate teilnehmen oder doch bei einem für ein Krebsmedikament? Wahl haben: Das ist Wettbewerb! Dort vielleicht Übelkeit und eine kleine Untersuchung zur Belohnung - hier vielleicht Fieberschübe und komatöses Siechen, dafür aber ein ausgiebiger Check und ein bisschen Medikamente für den Wellblechhaushalt. Frag' nicht, was dein Gesundheitssystem für dich tun kann, frag' was du für dein Gesundheitssystem machen kannst - und für das anderer, reicherer Länder gleich mit!

Wettbewerb im Gesundheitswesen will Bahr ja umsetzen - und die üblichen Andächtigen, Springer und Bertelsmann, einige Krankheitsexperten aus Union und Wirtschaftsliberalismus, allerhand Privatversicherte aus Wirtschaft und Medien, jubeln im Chor. Es geht ihnen eher nicht weit genug. Der Kranke, so ihr feuchter Traum, soll im Angesicht von Metastasen nicht auf seine Therapie konzentriert sein, sondern die verschiedenen Angebote sichten, die das Gesundheitswesen für ihn bereithält - oder eben nicht, falls er sich Offerten dieser Art nicht leisten kann; für solche gibt es dann Standardverfahren. Aber die Behandlungen sind sicher!, erklärt das Gesundheitsministerium - wenn es das erstmal erklären muß, dann dürfte es schon zu spät sein.

Der Wettbewerb in diesen aufgeklärten Landen dürfte natürlich anders ausfallen, als jener in Indien. Untersuchungen mit klinischen Versuchen zu kombinieren, würde man hier niemals praktizieren. Man wüsste gar nicht, wie man das mit der Krankenkasse abrechnen soll. Aber die Tendenz eines Gesundheitswesens, das nicht auf Gesundung, auf Therapie und Schmerzlinderung zu jedem erdenklichen Preis fixiert ist, das also nicht erklärt, dass der zu behandelnde Mensch nie und nimmer eine Kostenfrage, sondern seine Genesung eine Frage der Ehre und des Anstandes ist, gebiert zwangsläufig krumme Touren.

Der Wettbewerb der neoliberalen Agenda hat sich als Unterbietung, Verbilligung und Dumping erwiesen. Das ist das Gegenteil von Kurieren - das Gegenteil davon, den Patienten zum Maßstab der Therapie zu machen - das ist, jedenfalls für die größte Zahl der Versicherten, das Gegenteil von individueller Lebensführung. Es ist eine Zentralisierung und Generalisierung der Kranken. Was die Therapie kosten darf, wie sie in den Griff zu bekommen ist, das regeln dann nicht freie Ärzte in freier Entscheidung unter Gesichtspunkten, die relativ freie Herangehensweisen erlauben - das regeln Statuten, buchhalterische Erfahrungs- und Pauschalwerte, das regelt der Markt.

Nein, keine klinischen Versuche im Paket mit einer Untersuchung. Aber ein wettbewerbsorientiertes Gesundheitswesen, wäre seinem Wesen nach eben nicht gesund. Angebote für Versicherte regelten den Praxisalltag, eine Hausarzt-Flatrate beispielsweise, die der auf Geiz konditionierte Verbraucher (Patient wäre er dann nur nebenbei) vorher ausgewählt hat - Mehrbesuche verursachen natürlich Mehrkosten. Gesundheit zahlt sich dann aus. Wer gesund bleibt, macht ein Schnäppchen; der Kranke zahlt drauf. Von der qualitativen Abwertung der medizinischen Grund- und Fachversorgung mal ganz abgesehen. Wettbewerber haben keine Zeit, denn der Wettbewerb schläft nie - sie haben weder Zeit noch Geld zu verschenken. Und der Arzt, er wäre ein solcher Wettbewerber - noch mehr, als er es vermutlich heute schon ist. Wer sich den Luxus gönnt, Zeit zu investieren in einen Verbraucher, der bleibt auf der Strecke, denn der Wettbewerb kennt keine Gnade.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, schon heute, aufgrund der Sparpolitik der letzten Jahrzehnte, arg angegriffen, kann in einem Wettbewerbssystem nicht überleben. Der Arzt ist dann qua System keine Person mehr, die Linderung bringen soll, sondern jemand, der etwas zu verkaufen hat. Es vertraut sich aber so schlecht, wenn man ständig das Gefühl hat, da will einer dauernd mit seinen Fingern in meinen Geldbeutel hinein.

Indien ist die Überspitzung des Wettbewerbgedankens. Man sollte die neoliberalen Gesundheitsreformer mal dorthin führen. Sie würden entrüstet tun, sagen, dass natürlich die Grundversorgung in Deutschland sicher sei. Unter sich würden sie aber feststellen, dass es genau so ein freier Markt ist, wie ihn Indien da hat, der uns in Deutschland fehlt. Denn erst wenn es uns allen kotzübel geht, weil wir im klinischen Versuch Tabletten gefressen haben, deren Wirkung wir nur ungenau kennen, dann geht es uns wieder besser...



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De omnibus dubitandum

Montag, 14. Mai 2012

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wählten...
  • ... 40,4 Prozent aller Wahlberechtigten niemanden.
  • ... 23,0 Prozent aller Wahlberechtigten die SPD.
  • ... 15,5 Prozent aller Wahlberechtigten die CDU.
  • ... 6,7 Prozent aller Wahlberechtigten die Grünen.
  • ... 5,1 Prozent aller Wahlberechtigten die FDP.
  • ... 4,6 Prozent aller Wahlberechtigten die Piraten.
  • ... 1,5 Prozent aller Wahlberechtigten die Linke.
  • ... 0,8 Prozent aller Wahlberechtigten ungültig.
Die rot-grüne Koalition hat sich eine absolute Mehrheit gesichert. Sie kann mit dem Rückhalt von 29,7 Prozent aller Wahlberechtigten regieren. Nicht mal ein Drittel. Selbst eine fiktive Große Koalition käme nur auf 38,5 Prozent aller Wahlberechtigten. 25,2 Prozent aller Wahlberechtigten machen die Opposition aus. Der größte Posten mit 40,4 Prozent, findet keine Berücksichtigung.

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